Wolfgang Rüb schreibt und liest


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im Gespräch

Wolfgang Rüb, wie sind Sie auf die Idee gekommen, "Wohnquartett mit Querflöte" zu schreiben?

Ich kenne Leute, die sich Jugendstilvillen kaufen konnten und sehr gut in diese Häuser passen. Und ich habe auch jemanden kennengelernt, der so ein Haus von seinen Eltern geerbt hatte und überhaupt keinen Sinn für Wohnkultur hatte. Er war, als seine Eltern früh starben, einfach darin wohnen geblieben. Hinzu kam eine finanzielle Situation, wo er das Haus in seiner Substanz nur erhalten konnte, wenn er auf alle anderen Freuden dieser Welt verzichtete. Ich fragte mich: Warum halten völlig mittellose Leute an ihrem Wohneigentum fest, sparen für die neue Dachrinne und zupfen bis zu ihrem Lebensende Unkraut, statt dieses Haus zu verkaufen und mit dem Geld alle Möglichkeiten für sehr spannende Jahre zu haben. Man müsste sich lediglich von der Vorstellung verabschieden, dass Wohneigentum das höchste aller Güter ist. Dabei stellte sich die zweite Frage: Wie stark ist ein zu lange trainierter Lebensstil? Passen denn Weltreisen und Lebensaufregung überhaupt noch zum ewigen Unkrautzupfer? Also habe ich zu schreiben angefangen und meine Phantasie angestachelt. Dass hier auch eine Ost-West-Parabel im Entstehen war, ist mir erst später aufgefallen.

Ihr erster Roman "Konzert für Stubenfliege mit Orchester" spielte in der DDR der achtziger Jahre und erzählt die Geschichte eines eher bildungsfernen Durchschnittsbürgers, der sich in eine Schallplattenverkäuferin verliebt und dadurch Zugang zur Welt der Künstler und der Musik bekommt. Ihr zweiter Roman spielt im heutigen Ostdeutschland. Finden Sie, dass die Zeit der Rückschau auf die DDR allmählich vorbei ist, und die Schriftsteller sich mehr mit dem deutsch-deutschen Hier und Jetzt befassen sollten?
Mein Roman „Konzert für Stubenfliege und Orchester“ war auch kein Blick zurück, denn wenn er auch erst 2001 erschien, so hatte ich ihn doch in der Zeit geschrieben, in der er handelt. Es waren die späten Achtzigerjahre. Ich brauche authentische Lebensdetails, die ich mir sofort notieren muss, weil mein Gedächtnis sie verlieren würde. Ein paar tausend Seiten solcher Miniaturen habe ich gesammelt. Ich mag historische Romane nicht sehr, wo Autoren sich anmaßen, über Zeiten zu schreiben, die sie selbst nur von Klischees kennen. Soweit meine Phantasie auch manchmal geht, damit sie wahr bleibt, muss ich sie aus selbst Erlebtem speisen. Im Übrigen verlange ich von Belletristik, dass sie so viel ganz allgemeine Wahrheiten des Lebens enthält, dass sie von jedem gelesen werden kann. Selbst im sehr Spezifischen sollte jeder sich wiederfinden können. Ich habe auch mein Buch damals nie für ein DDR-Buch gehalten. Es handelte nur zufällig dort. Es ging mir um die Konfrontation eines schüchternen Menschen mit eloquenten und narzisstischen Personen. Wenn er auch ohne Abitur war und erst im reifen Erwachsenenalter sein erstes Klassisches Konzerterlebnis hatte, so brachte er Sensibilität, Herzensbildung und eine innere Vorbereitung für das mit, worauf es ankommt. Was ist denn Bildung? Wer sucht sich jemanden zum Freund, nur weil der gebildet ist? Wir haben einen falschen Bildungsbegriff. Wir treten Menschen arrogant gegenüber, weil sie nicht unsere Abschlüsse haben. Wir stopfen die Kinder ein paar Jahre lang mit abfragbarem Wissen voll und reden ihnen ein, sie könnten sich nun ihr Lebenslang als gebildet fühlen. Auch das Wort „Durchschnittsmensch“ mag ich nicht. Die Reichen haben sich angewöhnt, Ärmere als Durchschnittsmenschen zu bezeichnen und zu behandeln. In einer Blockwohnung können aufregendere Dinge passieren als in einer Jugendstilvilla. Und beim näheren Hinsehen gibt es überhaupt keine Durchschnittsmenschen. Wenn ich von einem Abend mit sogenannten Durchschnittsmenschen nach Hause komme, schreibe ich mir übrigens mehr interessante Lebensdetails und geäußerte Lebensansichten auf, als wenn ich mit den Erfolgreichen zusammen war. Nicht dass Erfolgreiche weniger spannend wären, aber weil sie sich schützen, erzählen sie ja nichts.

Ihre Romanhelden wagen eine Ost-West-Melange. Und das gelingt ihnen ziemlich gut. Denken Sie, dass die Ost- und Westdeutschen endlich aufhören sollten ihre Wunden zu lecken und lieber den Sprung über den Graben wagen sollten, der in den Köpfen immer noch besteht?

In Moskau und St. Petersburg war mir früher immer aufgefallen, dass man im Straßenbild sofort die Leute erkannte, die vom Dorf waren. Das hatte ich in Leipzig und Berlin nie erlebt. Jetzt war die Mauer gefallen, und in jeder westdeutschen Kleinstadt konnte man Leuten auf der Straße ansehen, dass sie aus der DDR kamen, selbst wenn sie in Berlin gelebt hatten. Wir selbst fühlten uns wie aus einem unendlich weit entfernten Dorf. So gaben wir uns und so wurden wir behandelt. Statt sich darauf zu besinnen, dass es im Osten einst Hochtechnologie gab, als der Berufstraum in Bayern noch Milchbauer war, hat man unser Territorium als den Teil des ehemaligen Deutschen Reiches sehen wollen, in dem immer schon die Dummen lebten. Wir wurden verwundet und verwundeten uns selbst. Anfangs kamen wir gar nicht auf die Idee, dass man auch von uns lernen könnte. Aber dann waren es die ersten Kleinigkeiten. Weil auf dem Buchcover von „Wohnquartett mit Querflöte“ vier Brötchen zu erkennen sind, genauer gesagt Westbrötchen, nehme ich sie als Beispiel. Wir bewunderten den hohen Stand der westlichen Technik, staunten aber, dass man verlernt hatte, gute Brötchen zu backen. Das war eine Offenbarung: Eine Gesellschaft mit Tempomat konnte keine Brötchen mehr backen!
Also erwarteten wir, dass man unsere Brötchen kostete und den Leuten klar wurde, wie man durch Neues schnell auch gutes Altes verlieren kann. Wir erwarteten, dass man im Westen sofort wieder anfangen würde, nach den guten alten Rezepten zu backen, die sich aus Mangel an Moderne im Osten erhalten hatten. Aber inzwischen war der Geschmack der Modernen so verdorben, dass sie sogar ihre Brötchen für die besseren hielten.
In meinem Buch nun spielen Vorurteile keine Rolle. Es gibt weder das Klischee vom Wessi noch vom Ossi. Es gibt hier eine Lebensgemeinschaft unter einem Dach, wo die Eigenarten, die sich aus unterschiedlicher Herkunft ergeben, für alle fruchtbar sind. Zwar lernt auch hier nicht der eine vom anderen, aber durch nicht geplante Umstände ist man aufeinander angewiesen und erkennt, dass der eigene Mangel gerade durch das, was der andere hat, ausgeglichen werden kann. Voraussetzung dafür ist lediglich die gegenseitige Achtung.

Ihr Roman erinnert in mancher Hinsicht an Goethes Wahlverwandtschaften: Inwiefern hat der Dichter des West-östlichen Diwans Ihnen bei diesem Werk Pate gestanden?
Ich kenne Goethes Roman, werde aber erst durch Ihre Frage wieder an ihn erinnert. Da gibt es auch eine Harmonie zu viert. Aber bei mir ist es nicht so, dass man sich über Kreuz zueinander gezogen fühlt. Trotzdem entsteht auch aus meiner Viererkonstellation ein Kind, sozusagen das echte Ost-West-Kind, und es darf sogar richtig schön leben. Bei Goethe musste es leider sterben.

Wann und wo schreiben Sie am liebsten?

Ich setze mich gern in unseren alten Pfarrgarten am Haus, kann aber auch in der Eisenbahn oder in einem Restaurant schreiben, oder ich lege mich mit dem Laptop auf dem Bauch irgendwo hin. Ich bin kein sehr konzentrierter Mensch, verzettele mich auch immer wieder in wenig effektiven Sachen. Wenn ich aber im Schreiben bin und die Phantasie in Gang gekommen ist, bin ich der glücklichste Mensch und möchte nicht mehr aufhören. Dann merke ich wieder, dass das Schreiben ja doch die Tätigkeit ist, die am besten zu mir passt.


Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Auf meiner Lieblingskarikatur steht ein Mann mit Koffern am Hafen in einer Telefonzelle und man sieht die Titanic ihm vor der Nase wegschwimmen, auf der er nach New York reisen wollte. Er ruft seine Mutter dort an und sagt: „Mir ist gerade etwas ganz Dummes passiert!“ Ich habe manchmal Sorge, eine Titanic nicht zu verpassen, und deshalb zögere ich manches zu lange hinaus. Und manche Titanic habe ich auf diese Weise tatsächlich schon verpasst. Allerdings auch manche öffentlichen Verkehrsmittel. Überhaupt komme ich schlecht mit meiner Zeit klar. Wenn ich noch fünf Minuten habe, fange ich etwas an, wofür man eine Viertelstunde braucht, weshalb ich immer etwas gehetzt wirke. Schon als Kind kam ich immer erst an die Schultür, wenn es bereits läutete, obwohl unser Haus auf dem Schulhof stand.
Ich liebe Humor und habe noch nichts geschrieben, das nicht auch Humor hätte. Aber ich habe auch noch nichts geschrieben, das nicht auch Tragik hätte. Im Humor verarbeitete Tragik, das ist mein liebstes Ziel. Zwar schreibe ich nicht über mich selbst, aber was meinen Figuren zustößt, liegt oft auch in meinen Möglichkeiten, ja ich konstruiere sie vielleicht aus meinen Möglichkeiten, und ich kann oft von Glück reden, wenn diese Möglichkeiten an mir vorbeigegangen sind.
Ich bin mir dessen bewusst, dass ich mir längst nicht alles Gute, das mir passiert, selbst verdient habe, so wie ich auch nicht für alles Schlechte verantwortlich bin, das mir widerfährt. Wenn sich irgendwo eine Fliege an einer Fensterscheibe abmüht, dann muss ich versuchen, ihr ins Freie zu helfen, egal auf welcher Dienststelle wir uns gerade befinden.
Besonders liebe ich Musik, Literatur und Kunst, aber ich bin kein Spezialist und kann mich noch für tausend andere Dinge interessieren. Auf diese Weise ist man zwar nicht sehr effektiv, aber ich tröste mich mit der Erkenntnis, dass alles, was man erlebt und womit man sich beschäftigt, auch dem Schreiben dient. Man weiß als Verzettelter einfach ein bisschen mehr von der Vielfalt des Lebens. Aber ich liebe sehr die leidenschaftlichen Spezialisten und lasse mir gern von ihnen erzählen.
Freundschaft gehört für mich zum Größten, wozu Menschen in der Lage sind. Gefällt mir irgendwo auf der Welt jemand, versuche ich, ihn wiederzusehen und zu meinem Freund zu machen. Auf nichts war ich in meinem Leben so stolz wie auf meine Freunde. In meiner Kindheit kamen sofort nach der Schule diejenigen zu mir, die vorhatten, ihre Hausaufgaben am Abend zu machen, und wenn die dann am Abend gingen, kamen die zu mir, die ihre Hausaufgaben am Nachmittag gemacht hatten, wodurch ich bis heute Probleme mit Hausaufgaben habe.
Auf Partys bleibe ich bis zuletzt. Ich liebe vertraute Gruppen und kann dort richtig unterhaltend sein, stehe aber in Ansammlungen von Leuten, die ich nicht kenne, eher beobachtend am Rand. Mein im Hintergrund arbeitendes Gespür dafür, ob ein Gesprächspartner sich überhaupt für mich interessiert, kann mich sehr schnell blockieren. Deshalb nehmen mich Menschen sicher sehr verschieden wahr. Es könnte Leute geben, die sagen: Der redet viel! Der redet ja kaum! Der ist selbstbewusst! Der ist schüchtern! Der ist witzig! Der ist trocken!

Welches sind Ihre Lieblingsautoren?
Beim Lesen geht es mir sehr um die sprachliche Seite. Ich liebe die ironische und humoristische Distanz zum Stoff. Sie ist das Gegenteil von Besserwisserei oder Belehrungswut und ich finde sie im Stil Thomas Manns, aber auch bei Martin Walser oder Wilhelm Genazino. Auch Robert Walsers staunender, immer wie erster Blick fasziniert mich. Ich liebe Puschkins „Eugen Onegin“, Gogols „Tote Seelen“ und seinen „Revisor“, Tschechow, Tolstoi, Nabokov, Kafka...

Was war Ihr besonderes Erlebnis beim Schreiben?
Im Roman spielen auch zwei Arten des Wohnens eine Rolle. Da stehen sich eine Reihe von Jugendstilvillen und eine Reihe von Wohnblocks in Sichtnähe gegenüber. Ich hatte mir das so nach Leipzig gedacht, jedenfalls in den Osten, wo ich es für möglich hielt. Bewusst wahrgenommen hatte ich so ein Szenarium nicht. Und nun reiste ich kürzlich zu einer Ausstellung Russischen Jugendstils in die Jugendstilstadt Darmstadt und habe dort genau mein Szenarium gefunden: Die Siedlung feinsten Jugendstils gegenüber einer Wand von Wohnblocks. Die Stelle hatte ich geträumt und nach Leipzig gesetzt, und nun fand ich sie gerade im Westen. Da waren Ost und West schon wieder mal gar nicht so weit auseinander.

Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Leben?
Mein Klavierunterricht als Kind hätte schön werden können, wenn es dabei menschliche Nähe gegeben hätte. Ich hatte nichts als Angst und bekam nur Stücke, die mir nicht gefielen. Wo ich mich verspielte, bekam die Stelle einen Kringel. Hefte übersät mit Kringeln! Ich habe Noten aus meiner Kindheit gefunden, da hatte der Bleistift der Lehrerin das Papier zerfetzt. Erst als ich nicht mehr in die Stunden musste, fing ich an zu üben. Als ich mir mit 18 Jahren meinen ersten Plattenspieler kaufte, war das der schönste Einschnitt in meinem Leben. Man feierte Beethovens 200 Geburtstag und brachte eine Gesamtausgabe auf Schallplatten heraus. Zufällig war seine letzte Klaviersonate die erste, die ich kennenlernte. Ich sehe mich noch im Dunkeln in meinem Bett liegen, so tief ergriffen und hochgetragen von diesem Erlebnis. Seitdem weiß ich, dass man über Kunst nichts gelernt haben muss, dass man in der empfänglichen Situation einfach nur die große Begegnung braucht. Diese Sonate ist für mich zusammen mit den Späten Klavierstücken von Brahms der Höhepunkt der Klaviermusik geblieben. Es waren wunderbare Jahre, als ich mich mit Berufsmusikern befreundete und wir gemeinsam unsere Platten hörten und Interpretationen verglichen: Gustav Mahler, Schostakowitsch, Prokofjew, Schubert, Schumann... Musik ist mir mindestens so wichtig wie die Literatur. Ich arbeite schon viele Jahre als Klavierlehrer, und vielleicht musste ich durch die Welt der bösen Kringel gehen, um reif dafür werden zu können, auf sie zu verzichten.

Schreiben Sie schon an einem neuen Roman und wenn ja, verraten Sie uns, worum es darin geht?

Ich habe zwei angefangene Romanmanuskripte liegen, aber wenn ich jetzt verraten würde, worum es dort geht, müsste ich als langsamer Schreiber Angst haben, dass jemand von den ganz Schnellen mir meine Ideen vor der Nase wegschreibt. Dann wäre mir vielleicht ein Schiff weggefahren, das nicht Titanic heißt.

(Die Fragen stellte Frau Linda Walz aus München, Lektorin der Edition Elke Heidenreich, bei C. Bertelsmann.)



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